System nach 30 Minuten abgestürzt (Bericht Appenzeller Zeitung)

Vom 5:1 zum 5:7 gegen Bülach: Der UHC Herisau wählt zum 1.-Liga-Saisonstart einen speziellen Weg.
Bericht: Lukas Pfiffner

Es liegt in der Charakteristik des Unihockeyspiels: Ein 5:1 ist nicht nichts, aber auch nicht alles. Vier Tore betrug der Vorsprung des UHC Herisau am Samstagabend gegen Bülach. Die Art, wie sich die Gastgeber im Sportzentrum diesen zur Saisoneröffnung aus der Hand nehmen liessen und die zweite Spielhälfte 0:6 verloren, ist als kollektiver Systemabsturz nach beinahe einwandfreiem Auftakt zu bezeichnen.

Man habe plötzlich angefangen, die Positionen zu verlassen, sich zu weit nach draussen zu begeben. «Dabei können wir, wenn hinten alle unserem System zu 100 Prozent treu bleiben, gegen jede Mannschaft bestehen», sagte Trainer Nico Raschle. Bülach ist ja nicht irgendein Nobody oder ein Abstiegsanwärter. Die Zürcher Unterländer erreichten 2018, 2019 und 2020 jeweils den Playofffinal und zählen zu den Favoriten der 1.-Liga-Gruppe 2. Bülach sei technisch sicher besser besetzt als sein Team. «Aber was mich eben ärgert: Es war ja nicht so, dass sie uns spielerisch auseinandergenommen haben und am Schluss jeweils nur noch den Ball ins leere Tor schieben konnten.»

«Come on! So wie vorher!»
Den Verlauf des Abends kann man sehr gut an fünf Szenen von Routinier Manuel Rüegg aufzeigen. 4. Minute: Nach einen Freischlag darf er sich den ersten Assistpunkt der Saison gutschreiben lassen. 22. Minute: Innert kurzer Zeit blockt er drei Schüsse, von der Bank ertönt Applaus. 36. Minute: «Come on! So wie vorher!», schreit Rüegg nach dem dritten Zürcher Treffer in Erahnung der Dinge und ermuntert die Kollegen auf der Auswechselbank mit einem Klaps auf die Schultern. 45. Minute: Einmal mehr stellt Rüegg ein Bein einem Schuss entgegen – er fliegt aber knapp am Fuss vorbei zum Ausgleich ins Tor. 52. Minute: Rüegg wird auf spektakuläre Art über die Bande befördert, die Schiedsrichter pfeifen keine Strafe – wie abendfüllend nie. Bülacherseits folgen ein Kunstwerk aus spitzem Winkel zum 5:6 und ein Weitschuss zum 5:7. Elf Monate zuvor, im letzten Spiel der abgebrochenen Saison 2020/21, hatte es gegen Bülach keine Torflut, sondern nur einen Treffer pro Drittel und ein 1:2 gegeben.

Fünf Schützen, fünf Assistenten
Die Ausserrhoder verzeichneten vorgestern einen sehr guten Start. Als Beispiel für die erste halbe Stunde stand das Matchblatt, das für Herisau als Besonderheit fünf verschiedene Torschützen und fünf verschiedene Assistenten aufführte. Stand Torhüter Dominic Jud, der einige ausserordentlich starke Paraden zeigte. Und der 21-jährige Verteidiger Manuel Rohner, der in der Defensive erstaunlich abgeklärt und schlau intervenierte, auch nach vorne die Situationen richtig erfasste. Herisau spielte zunächst schnell und vor allem effizient. Es erzielte herrliche Tore (wie das 3:0 nach einem Vorstoss von Schwarz), und es erzielte glückliche Tore (wie beim Holperball zum 2:0). «Vielleicht sind die Bälle anfangs fast ein wenig zu leicht hineingefallen», meinte der Trainer. Will heissen: Für das Hochhalten der Konzentration und die Systemtreue waren diese frühen Eindrücke nicht ideal.

Raschle versuchte mit einem Time-out direkt nach dem siebten Gegentor sowie der Reduktion auf zwei Blöcke und neuerlichen Umstellungen auf die Entwicklung zu reagieren. Bülach spielte den Abend aber stilsicher und ruhig zu Ende. Herisau kam nicht einmal dazu, Torhüter Jud zugunsten eines sechsten Feldspielers aus der Partie zu nehmen.

Bild:
Der Bülacher Simon Klingler versucht vor dem Herisauer Tor abzuschliessen; links Lukas Stucki, rechts Simon Schweizer.
Bild: Lukas Pfiffner